#title Michail Bakunin - Die vollständige Ausbildung #author Anarchistische Bibliothek #date 2024 #source RSS #lang fr **AutorIn**: Michail Bakunin **Titel**: Die vollständige Ausbildung **Datum**: 1869 **Bemerkungen**: Der Artikel "Die vollständige Ausbildung" wurde von Michail Bakunin als Serie in der anarchistischen Zeitschrift "Egalite" im Juli und August 1869 in Genf veröffentlicht. Teil I.: Egalite vom 31.7.1869; Teil II. Egalite vom 14.8.1869; Teil III. Egalite vom 14.8.1869; Teil IV. Egalité vom 21.8.1869. *Originaltext: Michael Bakunin - Die vollständige Ausbildung. Eigendruck im Selbstverlag Karlsruher Anarchisten, Laubfrosch - Vertrieb für freiheitliche Literatur, Karlsruhe, Ohne Jahresangabe (wahrscheinlich 1977). Digitalisiert von www.anarchismus.at* **Quelle**: Entnommen am 03.04.2024 von https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/7657-michail-bakunin-die-vollstaendige-ausbildung I. Die erste Frage, die wir heute zu betrachten haben, ist die: Kann die Befreiung der Arbeitermassen eine vollständige sein, solange die Bildung, welche diese Massen erhalten, der den Bourgeois gegebenen inferior (minderwertig, rückständig, untergeordnet) ist öder solange es im allgemeinen irgendeine Klasse gibt, zahlreich oder nicht, die durch ihre Geburt zu den Privilegien (Vor- und Sonderrechte) einer höheren Erziehung und vollständigeren Unterrichts berufen ist? Diese Frage stellen, heißt das nicht sie lösen? Ist es nicht augenfällig, daß von zwei Männern, die mit beinahe gleicher natürlicher Intelligenz begabt sind, derjenige, der mehr weiß, dessen Geist mehr durch die Wissenschaft erweitert ist und der, weil er besser die Verkettung der natürlichen und sozialen Tatsachen begriffen, oder dessen, was man die Gesetze der Natur und der Gesellschaft nennt, leichter und voller den Charakter des Milieu, in dem er sich befindet, erfaßt, - daß dieser, sagen wir, sich dort freier fühlen wird, daß er auch in der Praxis geschickter und mächtiger sein wird als der andere? Derjenige, der mehr weiß, wird natürlich den beherrschen, der weniger weiß, und wenn es im Anfang zwischen zwei Klassen nur diesen einfachen Unterschied der Bildung und Erziehung gäbe, würde dieser Unterschied in wenig Zeit alle übrigen hervorbringen, und die Welt würde sich wieder an ihrem gegenwärtigen Punkt befinden, d.h. sie wäre von neuem geteilt in eine Masse von Sklaven und eine kleine Zahl von Herrschern, und die ersteren würden, wie heute, für die letzteren arbeiten. Man versteht jetzt, warum die Bourgeoissozialisten nur Bildung für das Volk verlangen, etwas mehr als es jetzt hat, während wir sozialistischen Demokraten für das Volk die vollständige Bildung verlangen, die ganze Ausbildung, so vollständig, wie die wissenschaftliche Kraft des Jahrhunderts es erlaubt, damit sich über den Arbeitermassen von jetzt ab keine Klasse befinden könne, die mehr wisse und die sie, gerade weil sie mehr weiß, beherrschen und ausbeuten kann. Die bürgerlichen Sozialisten wollen die Erhaltung der Klassen, deren jede nach ihnen eine verschiedene soziale Funktion vertreten soll, die eine z.B. die Wissenschaft und die andere die Handarbeit; wir wollen im Gegenteil die endgültige und vollständige Abschaffung der Klassen, die Vereinheitlichung der Gesellschaft und die ökonomische und soziale Gleichmachung aller Menschen auf der Erde. Sie möchten die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit, diese historische Grundlage der gegenwärtigen Gesellschaft, beibehalten, aber vermindern, versüßen und verzieren - wir wollen sie zerstören. Hieraus ergibt sich klar, daß keine Entente (Einvernehmen, Einverständnis), keine Versöhnung, selbst keine Koalition zwischen bürgerlichen Sozialisten und uns möglich ist. Aber wird man sagen - und diesen Grund stellt man uns am meisten entgegen, und die Herrn Doktrinäre aller Schattierungen halten ihn für ein unwiderstehliches Argument - , aber es ist unmöglich, daß die ganze Menschheit Wissenschaft betreibt; sie würde aus Hunger sterben. Daher müssen, während die einen studieren, die anderen arbeiten, um die notwendigen Lebensbedürfnisse hervorzubringen, zunächst für sich, dann auch für die ausschließlich Geistesarbeiten sich widmenden, denn letztere arbeiten nicht nur für sich; ihre wissenschaftlichen Entdeckungen, außer dem, daß sie den menschlichen Geist erweitern, verbessern sie nicht die Lage aller menschlichen Wesen ohne Ausnahme durch die Anwendung auf die Industrie, den Ackerbau, und im allgemeinen das politische und soziale Leben? Veredeln ihre künstlerischen Schöpfungen nicht das Leben aller? Aber nein, keineswegs. Und der größte Vorwurf, den wir der Wissenschaft und den Künsten zu machen haben, ist gerade der, daß sie ihre Wohltaten nicht verbreiten und nur auf einen sehr geringen Teil der Gesellschaft ihren Einfluß ausüben mit Ausschluß und folglich auch zum Schaden der ungeheuren Mehrzahl. Man kann heute von dem Fortschritt der Wissenschaft und Kunst dasselbe sagen, was man schon mit solchem Recht von der wunderbaren Entwicklung der Industrie, des Handels, des Kredits, des sozialen Reichtums, mit einem Wort in den zivilisiertesten Ländern der modernen Welt gesagt hat. Dieser Reichtum ist ganz exklusiv und im Begriff, dies immer mehr zu werden, indem er sich in einer immer kleineren Zahl von Händen konzentriert und die unteren Lagen der Mittelklasse, die kleine Bourgeoisie, ins Proletariat wirft, so daß die Entwicklung dieses Reichtums in direktem Verhältnis zum wachsenden Elend der Massen steht. Woraus folgt, daß der Abgrund, der die glückliche und privilegierte Minderheit von den Millionen von Proletariern, die sie durch die Arbeit ihrer Hände ernähren, trennt, sich immer mehr öffnet und daß, je glücklicher die Glücklichen, die Ausbeuter der Volkesarbeit sind, die Arbeiter desto unglücklicher werden. Man stelle bloß der fabelhaften Opulenz (Üppigkeit Überfluß) der aristokratischen, finanziellen Handels- und industriellen Welt in England die elende Lage der Arbeiter dieses Landes gegenüber, man lese den so naiven und herzzerreißend geschriebenen Brief, den ganz kürzlich ein intelligenter und ehrlicher Londoner Goldschmied, Walter Dugan war sein Name, schrieb, der sich mit der Frau und sechs Kindern vergiftete, nur um den Erniedrigungen des Elends und der Qualen des Hungers zu entgehen[[#][[1]]], und man wird gezwungen sein, zuzugeben, daß diese so gepriesene Zivilisation in materieller Hinsicht für das Volk nur Druck und Ruin bedeutet. ...