Bismuto - Über den Moment hinaus

Téacs téacs
Easpórtáil ALN (.muse)
AutorIn: Bismuto
Titel: Über den Moment hinaus
Untertitel: Anarchistische Bestrebungen im Angesicht der fortlaufenden Katastrophe(n)
Datum: März 2021
Bemerkungen: Zuerst publiziert als Au-delà de l'immédiat in Sans Détour (journal anarchiste apériodique), Ausgabe 4, März 2021; dann als Beyond the Moment in The Local Kids (A compilation of texts, a contribution to a correspondence between those who desire anarchy and subversion), Ausgabe 7, Sommer 2021. Die deutschsprachige Übersetzung wurde veröffentlicht im Autonomen Blättchen Nr. 47 Dez 21- Feb 22, übersetzt aus dem Englischen.
Quelle: Entnommen aus dem Autonomen Blättchen Nr. 47

Während ich heute angestaubte anarchistische Texte lese, habe ich oft den Eindruck, dass Anarchist*innen vor einem Jahrhundert klarere Ideen über die Welt hatten, für die sie gekämpft haben, und welche Pfad man einschlagen muss, um eines Tages die Freiheit zu erringen, nach der sie sich so sehnten. Heute leben wir in einer düsteren und widerlichen Periode, die uns sehr wenig Hoffnung auf die Zukunft übrig lässt. Jede Spekulation in Richtung revolutionärer Erhebungen wird immer mit einem “Realismus” abgetan, der wenig Platz für Ideale und Utopien lässt. Nichtsdestotrotz, wenn wir entscheiden unsere Leben (oder große Teile davon) dem Kampf zu verschreiben, wieso versuchen wir dann nicht, weiter zu gehen als immer nur im Moment zu handeln, zumindest in unserer Vorstellung? Wieso nicht versuchen darüber zu reflektieren, was wir meinen — und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene — wenn wir von “Revolution” sprechen und der Frage, welche”Stadien” so ein Prozess notwendigerweise durchlaufen würde? Oder sollen wir ein und für alle Mal der Möglichkeit von radikaler Veränderung des Verlaufs der Dinge den Tod erklären, unsere Bestrebungen widerrufen und anerkennen, dass unsere Kämpfe und Aktionen nur dazu dienen unserer Existenz Bedeutung und Freude zu geben, um nicht in Depression, Resignation, Apathie und Verzweiflung zu verfallen?

Ich will diese existenzielle Dimension des Kampfes nicht verneinen. Sie ist essentiell und ich bin absolut überzeugt, dass radikale Veränderung nicht ohne sie möglich ist. Nichtsdestotrotz, in bestimmten Momenten des Optimismus sage ich mir, dass wir nicht alleine darin sind, diese Umwälzung zu wollen. Zum Beispiel bei einem unerwarteten Aufeinandertreffen oder einer Geschichte, die das Herz erwärmt, etwa vom sozialen Kämpfen, die eine gewisse Größe auf der Straße erreichen oder von der Verbreitung von verschiedenen Angriffen auf Herrschaftsstrukturen. Aufgrund unserer tagtäglichen Beobachtungen der Schrecken, die diese Welt weitergehen lassen, haben wir die Tendenz zu vergessen, dass die Spannung hin zur Freiheit am Leben erhalten wird auch jenseits jener, die die anarchistischen Ideen kennen und hochhalten. Also, wieso nicht einmal darüber nachdenken, was eine revolutionäre Erhebung implizieren würde, wie die Anarchist*innen das in der Vergangenheit getan haben? Wieso nicht darüber sprechen ? Wieso nicht einen Ausblick auf die Zukunft wagen und das ohne falsche Hoffnungen oder glänzende Illusionen, genauso ohne Zynismus oder Abgebrühtheit?

Vor einem Jahrhundert waren revolutionäre Ideen immer noch weit verbreitet inmitten einer Periode, die vielleicht noch düsterer als unsere war (die Welt kam gerade aus dem ersten weltweiten Massaker). Errico Malatesta schrieb damals:

„Wenn die Monarchie gestürzt ist, die Polizeikräfte zerstört, die Armee aufgelöst, werden wir keine neue Form der Regierung anerkennen, besonders wenn es eine Zentralregierung ist, mit dem Vorwand die Bewegung anzuleiten und zu regulieren. Wir werden den Arbeiter*innen anraten sich vollständig das Land, die Fabriken, die Züge und die Schiffe anzueignen. Kurz — alle Produktionsmittel - um sofort eine neue Produktion zu organisieren, um für immer nutzlose und schädliche Prozesse abzuschaffen (und temporär jene des Luxus) und um den Großteil der Anstrengungen der Produktionskräfte auf die Produktion von Essen und anderem Essentiellem zu konzentrieren. Wir werden die Kollektivierung der Ökonomie und aller existierenden Produkte vorantreiben und die Organisierung von lokaler Verteilung sowie dem Austausch unter den Nachbarschaften und weiter entfernten Örtlichkeiten, in Übereinstimmung mit Gerechtigkeit, den Bedürfnissen und den Möglichkeiten, die im Moment gegeben sind. Wir werden die Besetzung von leeren oder wenig bewohnten Häusern vorantreiben, damit keine Person ohne einem Dach über ihrem Kopf leben muss und jede Person wird eine Behausung haben, entsprechend dem Raum der verfügbar ist. Wir werden die Banken, Rechtstitel und alles, das die Macht des Staates und die kapitalistischen Privilegien repräsentiert und garantiert, zerstören. Und wir werden versuchen die Dinge in so einer Art und Weise zu reorganisieren, dass es unmöglich sein wird, dass sich die bürgerliche Gesellschaft erneut ausbilden kann!“

Das ist eine sehr schematisierte Version davon, aus was eine Revolution besteht und welche Rolle Anarchist*innen laut dem unerschütterlichem neapolitanischem Subversivem darin spielen würden. Ein relativ klares Konzept trotz der großen Hindernisse, die solch ein Prozess bedeuten würde und etwas das von vielen Gefährt*innen während dieser Periode geteilt wurde. Bestimmt, genauso wie heute, war die anarchistische Bewegung durchzogen von einer Vielzahl von Diskussionen, Debatten und Konflikten. Zum Beispiel gab es jene, die so wie Malatesta für das Aufbauen von föderativen und vereinheitlichenden anarchistischen Organisationen mit formalen Strukturen, einem geteilten Programm, Kommissionen, etc. waren und dann gab es jene, die die individuelle Initiative befürworteten. Die für eine verstreute Propaganda eintraten und für die freie Assoziation basierend auf Affinität, außerhalb jeder permanenten Struktur und ohne jede Art von Zentralisierung. Es gab Anarchist*innen, die für eine Allianz mit politischen Parteien waren (sozialistische, kommunistische, republikanische), um die Monarchie zu stürzen und andere, die vehement gegen diese „gemeinsamen Fronten“ mit Autoritären und Reformist*innen waren. Es gab jene, die den bewaffneten Streik und die Besetzung von Fabrik propagierten, während andere sich in „libertärer Pädagogik” engagierten. Wieder andere schickten sich an die Repräsentanten und Strukturen der Herrschaft anzugreifen ohne auf die Massen zu warten. Nichtsdestotrotz und trotz dieser großen Unterschiede in ihren Ansichten und Methoden, denke ich, dass ich nicht fehl gehe, wenn ich behaupte, dass die Meisten von ihnen eine Konzeption des revolutionären Prozesses geteilt haben, der ähnlich zu dem oben beschriebenen ist. Bewaffneter Aufstand der Bevölkerung, Zerstörung von Kirche und Staat, Enteignung des Bürgertums und die Kollektivierung des Landes, der Produktionsmittel und der Früchte der Arbeit, sowie die Abschaffung des Eigentums wären alles Stadien, durch welche das Proletariat eine Aneignung ihrer Leben erreichen würde, wodurch sie sich von der Herrschaft der Ausbeuter befreien würden. Das waren nicht einfach nette Worte und die Gefährt*innen aus dieser Zeit waren keine naiven oder irregeleiteten Leute. Sie waren sich bewusst, welch hohen Preis so ein Prozess fordern würde und viele sind beim Versuch so eine Umwälzung herbeizuführen gefallen.

...

Foinse téacs RSS
Curtha ar
Féach ar 505