Camillo Berneri - Der Krieg als kollektives Verbrechen

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AutorIn: Camillo Berneri
Titel: Der Krieg als kollektives Verbrechen
Datum: 1. September 1928
Bemerkungen: Zuerst in "Germinal", Chicago, n. 16 vom 1.9.1928 und in "L'Adunata dei Refrattari", New York, n.47 vom 9.12.1939 Übersetzung aus der Artikelsammlung "Gli eroi guerreschi come grandi criminali" der Edizioni Archivio Famiglia Berneri, Pistoia mit freundlicher Genehmigung von Fiamma Chessa. Erschienen in DIE AKTION 170/174, Juli 1997.
Quelle: Entnommen am 24.03.2025 von https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/camillo-berneri/87-camillo-berneri-der-krieg-als-kollektives-verbrechen

A. Hamon sagt in seiner Psychologie du militaire professionel: "Ich behaupte nicht im geringsten, daß der Militarismus keine Schule der Courage sei, doch die Courage, die er hervorruft, ist mit Gewalt und Brutalität verseucht". Was Hamon da behauptet, ist unbestreitbar. Dem können auch erklärte Nichtpazifisten beipflichten. Im Gespräch mit Vereschagin erklärten diesem der sächsische Fürst Georg und der preußische Kronprinz Friedrich Karl, wozu einen die kriegerische Moral anhält: "Nimm und stiehl, soviel du kannst, gebrauch Listen und leg Hinterhalte, und je mehr du umbringst, desto größer wird dein Verdienst sein"[1].

Jener Gutsknecht in Frankreich, der aus Eigennutz drei Menschen ermordet hatte, rief, als er zum Tode verurteilt wurde, aus: "Es ist doch eigenartig! In Tonking hab ich wer-weiß-wieviele umgebracht, und da wollten sie mir eine Medaille umhängen. Hier hab ich nur drei auf dem Gewissen, und jetzt wollen sie mich gleich um einen Kopf kürzer machen"[2]. Mit seiner zynischen boutade erfaßt er recht gut die kriegerische Moral Dieser Verbrecher war ein hervorragender Soldat. Im Krieg sind Verbrecher fast immer gute Soldaten. Gilt es jemand abzuschlachten? Sie sind bereit. Sind sie verwundet? Auch wenn sie schwer verwundet sind, ihre Wunden heilen meist sehr schnell. Es kommen gewaltige Strapazen auf sie zu? Sie können Anstrengungen und Entbehrungen durchaus ertragen. Der Krieg wird lang andauern? Sie werden kaum durch nostalgische Gefühle beeinträchtigt sein. Von Ehrgeiz, niedrigen Instinkten und perversen Vorlieben geleitet, sind sie die wahren amateurs des Krieges. Das läßt sich besonders gut an den kolonialen Unternehmungen beobachten.

Vehlan, Befehlshaber der Bakokoexpedition, ließ Dörfer niederbrennen und die Gefangenen, ob Alte, Frauen oder Kinder schlagen und foltern. "Die Soldaten, vor allem einer von ihnen, hatten eine wunderbare Methode, den Feinden die Haut abzuziehen", erzählte Vehlan bei Tisch. "Ein Schnitt mit dem Messer am Unterkiefer, darauf ein starker Ruck mit den Zähnen und schon hatte sich die Haut vom Gesicht gelöst...[3]"

Nach der Einnahme von Bossè, auf dem Rückmarsch nach Djenne, benutzten die Soldaten als lebendigen Köder für die Raubtiere ein zehnjähriges Mädchen, das sie, um es zum Schreien zu bringen, auf einem Ameisenhaufen festbanden. Von den Ameisen angefressen, starb das Kind auf dem Haufen. Nach der Eroberung von Bossè kauften und verkauften sich die Soldaten, unter anderem, die Kinder gegenseitig als Einsatz beim Kartenspielen. Von seiner Rednertribüne herab prangerte der Senator Gaudin de Villaire ein vom Kommandanten Gèrard angeordnetes Massaker an 2.500 schutzlosen Eingeboren bei Ambike an. Das Gemetzel hatte offenbar so monströse Ausmaße angenommen, daß dessen Schilderung im Senat Ausrufe des Entsetzens hergerufen hat.

Wegen fünf getöteter Soldaten der anglo-französischen Streitmacht fiel Peking 1860 einer der verheerendsten Plünderungen anheim, die die Geschichte je gekannt hat. 3.000 Chinesen wurden dabei umgebracht. Gut 5.000 wehr- und waffenlose Chinesen wurden 1901 bei Blagonstchensk von den Truppen des Generals Cribsky in den Amur getrieben. In Tsien-Tsin vergnügten sich die Russen damit, Säuglinge in die Luft zu schleudern und mit ihren Bajonetten aufzufangen. In Grimari (Cubagni-Chari) bezahlte 1912 ein französischer Kapitän den senegalesischen Schützen am Jahresende als Nachweis für getötete Rebellen für jedes abgelieferte Hodenpaar 1.fr.50.

Nicht weniger barbarisch waren die Kolonialunternehmungen der Italiener. Die lybische Unternehmung wurde auf eine äußerst grausame Weise durchgeführt. Die ausländischen Berichterstatter waren angewidert. Mac Cullagh von der New York World sandte seinen Korrispondentenausweis an General Caneva zurück. Auf Dementis von Giolitti antwortete die Agentur Reuter mit Augenzeugenberichten englischer, deutscher und amerikanischer Journalisten. Grant vom Daily Mirror erwiderte: "Vier Tage lang haben Soldatentrupps jeden Abschnitt der Oase gesäubert und die Araber unterschiedslos getötet. Der Befehl des Generals Caneva hieß Ausrottung".

Die Veröffentlichungen im Ausland wurden durch italienische Berichte weitestgehend bestätigt. Unter der Überschrift „Auf der Jagd“ veröffentlichte L'Eco di Bergamo am 13./14. November 1911 den Brief eines Soldaten aus Tripolis, am 5. November eingeschickt, in dem zu lesen war: "Die Araber-Türken unter unserem Kanonenbeschuß in die Luft fliegen zu sehen, hat uns wahrhafte Befriedigung verschafft. Hier ist es wie auf der Jagd und nicht wie im Krieg, und ein Feind wird hier so einfach getötet wie man eine Mücke zerquetscht".

Durch die von oben kommenden Befehle werden die bestialischen Instinkte, von denen die Schreiber solcher Briefe künden, noch verstärkt. Gerade davon berichtet der Brief eines Soldaten, den Giornale, eine weitere Zeitung aus Bergamo am 11. November 1911 veröffentlicht hat: "Gestern kam Befehl vom General, alle verdächtigen Häuser, bei denen man annimmt, daß sie unterkellert sind, in die Luft zu sprengen. Und wirklich haben wir etliche Häuser gesprengt. In einem davon fand sich ein geräumiger Keller, indem wir fünfzehn zivil gekleidete türkische Offiziere vorfanden. Beim Durchsuchen der Häuser fanden wir Gewehre, Pistolen, Patronen und Dolche. Vom 23. bis zum 30. haben wir über 500 Araber getötet. Wir banden ihnen Hände und Füße, warfen alle auf einen Haufen und eine Kompanie feuerte ihre Gewehre darauf ab. Manche, die sich weigerten aus ihren Häusern herauszukommen, brachten wir an Ort und Stelle um. Ich habe einen getötet, der gerade dabei war, Datteln vom Baum zu pflücken. Ich habe ihm einen Schuß verpaßt, der ihn am Magen erwischt hat. Er ist wie ein Vogel heruntergefallen".

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