Clabauter - Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal!

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Esportatu Muse gisa (.muse)
AutorIn: Clabauter
Titel: Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal!
Untertitel: Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie
Datum: 1995
Quelle: Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit. 4/95 (Nr. 55) 16.Jg. URL: https://archive.org/details/schwarzer-faden/1995-55-Schwarzer%20Faden_f/page/n35/mode/2up

“Ich erkenne eine Maschine, weil sie etwas tut, das ich auch schon einmal getan habe. Ich habe mich, seit ich diese Passage schrieb, daran gemacht, das Wackeln mit dem linken Ohr allein zu erlernen.”

Oswald Wiener


Humor ist noch keine Eigenschaft der Dinge. Wenn man den Wissenschaften, die unter dem Einfluß von Kybernetik stehen, glauben schenkt, könnte bald auch dies nicht mehr gelten.

Im Zeitalter der Information, so scheint es, bekommen die Dinge Leben. Sie kommunizieren miteinander, tauschen sich aus, leiden unter Gedächtnisverlust und neigen zu chaotischem Verhalten. Wir leben mehr und mehr im Zombiefilm. Wird Nekromanie ein Volkssport in der Welt der Simulation? Wer oder was ist denn das Lebendige oder das Tote? Der Mensch, der Cybersex hat, oder das Neuronale Netz‘[1], das voyeuristisch menschliches Verhalten zu klassifizieren versucht?

Die Form von Nekromanie, wie sie von den Naturwissenschaften, der Informatik und der Kybernetik betrieben wird, ist leider weniger romantisch, als die “nekroneuromantischen” Effekte

der Animation, wie sie William Gibson[2] in “Neuromancer” darstellt und wie sie Oswald Wiener schon Ende der 60er Jahre in “Bioadapter” vorkonzipiert hat, die also eher den Effekten von Drogen entsprechen.

Ich bin beim Schreiben dieses Artikels öfters auf die philosophischen Fragen gestoßen: Was ist Kommunikation? Was ist lebendig? Was ist Existenz? und schließlich: Was ist Zeit? Bis ich mich – um nicht in Kontemplation und Meditation zu versinken – an Marxens Satz über die Philosophie erinnerte: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern!” – Nur wie? stellt sich nun die Frage im Zeichen desWassermanns, – äh nein – des Informationszeitalters.

Cyber, Cyber... Kybernetik

Der Begriff “Informationszeitalter” führt uns zu einer Wissenschaft namens Kybernetik.

Meiner Ansicht nach ist die Kybernetik der folgenreichste und wichtigste Denkansatz bei der Beschäftigung mit Kommunikationstechnologien.

Es gibt zahllose Definitionen von Kybemetik, die mehr Oder weniger sinnvoll sind.

Norbert Wiener[3], der oft als der Vater der Kybernetik bezeichnet wird, erklärte in den 40er Jahren: “Kybernetik ist die Wissenschaft von Kontrolle und Information, gleichgültig, ob es sich um lebende Wesen oder um Maschinen handelt.”

1960 war mensch sich aber schon weitgehend darüber einig, daß diese Definition verkürzt ist, und daß auch andere Systeme mit kybernetischen Modellen erfaßt werden können, z.B. Volkswirtschaften. Helmar Frank meinte 1962, Kybernetik sei “die Theorie der Aufnahme, Verarbeitung und raumzeitlichen Übertragung von Information.”

Georg Klaus formulierte: “Kybernetik ist die Theorie des Zusammenhangs möglicher dynamischer selbstregulierender Systeme mit ihren Teilsystemen.” Unglücklicher Weise enthält diese Definition eine Einschränkung, die nicht ganz angebracht scheint. Sie verlangt von einem kybernetischen System, es müsse “selbstregulierend” sein. Selbstregulierung bezieht sich eindeutig auf die Rückkopplung (feedback). Doch nicht alle kybernetischen Modelle haben eine Rückkopplung. Georg Klaus bringt aber den Begriff “Zusammenhang” ins Spiel. Gerade der Zusammenhang unterscheidet die Kybernetik grundlegend von der Wissenschaft der alten Schule, z.B. der klassischen Physik.

Die früheren Naturwissenschaften beschäftigten sich möglichst intensiv mit Einzelprozessen. Etwas salopp ausgedrückt: sie sezierten alles und legten es unters Mikroskop. Damit drang mensch bis zur Gestalt der winzigsten Zelle und bis zum Atommodell vor. Aber diese Art der Wissenschaft hat einen empfindlichen Nachteil: sie kann nur statische Ergebnisse bringen. Im Gegensatz dazu geht der kybernetische Weg das Ganze an, den Zusammenhang, – das System.

Ross Asby, ein englischer Neurologe und einer der bedeutendsten Schrittmacher der Kybemetik, bezeichnet sie als die “allgemeine, formale Wissenschaft der Maschinen”, wobei er unter “Maschinen” sowohl Rotationspressen, als auch Menschen oder Hunde, Volkswirtschaften oder Ameisenhaufen, verstanden wissen will – kurz: Systeme, die organisiert sind und über eine eigene Dynamik verfügen. Er formulierte die “kybernetischen” Fragen nicht danach: “Was ist ein Ding?” Sondern nach dem Motto: “Was tut es? – Wie verhält es sich? – Wie ist seine Struktur?” Struktur aber, einer der wichtigsten Begriffe in der Kybernetik, bedeutet “Organisation”, “Zusammenhang”; "Beziehung".

Hans-Joachim Flechtner meint: “Kybemetik ist die allgemeine, formale Wissenschaft von der Struktur, den Relationen und dem Verhalten dynamischer Systeme.”

Rolf Lohborg und Theo Lutz definieren die Kybernetik schließlich so: “Kybernetik untersucht strukturelle Zusammenhänge an Organismen und organisierten Systemen und versucht,

die als wesentlich erkannten Zusammenhänge in Modellen zu simulieren.” Damit sind wir bei einer wichtigen Anwendung kybernetischer Untersuchungen, die vor allem eng im Zusammenhang mit Kommunikationstechnologien steht: der Simulation.

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