Elysée Reclus - Die große Familie

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Ekspor (.muse)
AutorIn: Elysée Reclus
Titel: Die große Familie
Datum: 1896
Bemerkungen: Kommentar im Sozialist: "Zuerst veröffentlicht in Le Magazine International, Paris 1896, hier aber, da diese Zeitschrift uns nicht zugänglich war, nach der englischen Übersetzung Edward Carpenters (The Humanitarian, Oktober 1913) ins Deutsche übersetzt."
Quelle: Der Sozialist. Organ des sozialistischen Bundes 6. Jahrgang Nr. 2—Berlin, den 15. Januar 1914 und Nr. 3—1. Februar 1914.

DE MENSCH LEBT GERN IN TRÄUMEN. DIE Mühe, die es dem Denken macht, Wirklichkeiten zu erfassen, scheint ihm zu schwer und er möchte der Aufgabe dadurch entrinnen, daß er zu fertigen Meinungen seine Zuflucht nimmt. Ist »der Zweifel das Kissen des Weisen«, so dürfen wir sagen, daß ein seliger Glaube das Kissen des Schwachen im Geiste ist. Es gab eine Zeit, wo die Gewalt eines höchsten Gottes, der für uns dachte, der über unsern Häuptern gebot und schuf und das Schicksal des Menschen nach seiner Laune lenkte, uns völlig genügen konnte und es dazu brachte, unser sterbliches Los entsagungsvoll, vielleicht sogar dankbar hinzunehmen. Nun dieser persönliche Gott, auf den die Sanftmütigen ihr Vertrauen setzten, in seinen eigenen Tempeln den Tod findet, müssen die Menschen nach einem Ersatz für ihn Umschau halten. Aber es gibt keine allmächtige Gewalt mehr, auf die sie bauen könnten; sie haben nichts mehr als ein paar Worte, denen sie eine, man möchte sagen, mystische Kraft zu verleihen suchen, als säße magische Eigenschaft in ihnen; zum Beispiel das Wort »Fortschritte.

Ohne Zweifel ist es wahr, daß der Mensch in mancherlei Hinsicht Fortschritte gemacht hat; seine Empfindungen haben sich (das glaube ich in der Tat) verfeinert, sein Denken ist unerschrockener geworden und bohrt mehr in die Tiefe, und seine Menschheit, die sich über eine größere Welt erstreckt, hat an Breite außerordentlich zugenommen. Kein Fortschritt jedoch kann sich ohne teilweisen Rückschritt durchsetzen. Das Menschenkind wächst, aber im Wachsen verläßt es den Ort, wo es war, und im Vorrücken gibt es zum Teil den Boden auf, der einst sein eigen war. Das Ideal wäre, daß der Zivilisierte die Stärke des Wilden bewahrte und ebenso seine Geschicklichkeit behielte, daß er noch das vollkommene Gleichgewicht seiner Gliedmaßen, seine ursprüngliche Gesundheit, den Frieden seiner moralischen Natur, die Einfachheit des Lebens, die Vertrautheit mit den Tieren und der freien Natur, die Harmonie mit der Erde und all ihren Bewohnern besäße. Was aber vormals die Regel war, ist jetzt die Ausnahme. Viele Beisiele zeigen uns ohne Zweifel, daß ein Mann mit tatkräftigem Willen, der von seiner Umgebung ausnehmend begünstigt ist, es durchaus mit dem Wilden in all seinen Fertigkeiten aufnehmen kann, während er überdies noch eine mit einer höheren Seele gesättigte Bewußtheit hinzubringt. Aber wie viele gibt es, die gewonnen haben, ohne zu verlieren, die zugleich‘ dem Primitiven in seinem Wald oder’ seiner Steppe und dem Künstler oder modernen Gelehrten im tosenden Großstadtleben ebenbürtig sind?

Und wenn es hie und da einem Menschen von einziger Willenskraft und Würde des Lebens gelingt, es mit seinen Vorfahren hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften aufzunehmen, während er sie auf Grund seiner erworbenen aussticht, so muß man mit Bedauern sagen, daß im Ganzen die Menschheit ohne Frage einige Ihrer früh erworbenen Eigenschaften eingebüßt hat. So ist die Welt der Tiere, von der wir unsre Herkunft ableiten und die unser Lehrer in der Kunst des Daseins gewesen ist, die uns Fischfang und Jagd und die Anfangsgründe der Heilkunst und des Hausbaus, die Bräuche gemeinsamer Arbeit und des Aufstapelns von Vorräten gelehrt hat, — diese Welt ist uns fremd geworden. Wir reden heutzutage in Bezug auf die Tiere von Erziehung oder Zähmung nur im Sinn von Unterjochung, der primitive Mensch dagegen verstand eine brüderliche Gemeinschaft darunter. Er sah in diesen lebenden Wesen Gefährten und nicht Knechte; und in der Tat kamen in manchen Fällen, wie zum Beispiel bei verheerenden Naturereignissen, die Mensch und Tier gemeinsam trafen (besonders bei Orkanen und Wasserfluten) die Tiere — Hunde, Vögel, Schlangen — und nahmen ihre Zuflucht bei ihm.

Die Indianerin in Brasilien umgibt sich ganz absichtlich mit einer völligen Menagerie, und auf dem freien Platz bei ihrer Hütte halten sich Tapire, Rotwild, Beutelratten und selbst zahme Jaguare auf. Da sieht man Affen, die munter in den Zweigen über der Hütte herumtollen, Nabelschweine, die im Erdreich wühlen, Tukane, Baumhühner und Papageien, die da und dort auf den schwankenden Ästen sitzen und von Hunden und großen Trompetervögeln bewacht werden. Und diese ganze Republik tummelt sich und findet ihr Auskommen, ohne daß eine ärgerliche Herrin Schimpfworte und Schläge austeilen müßte.

Bei den Quichua-Indianern hat der Hirt, der neben dem Lama und seiner Last über das Hochplateau der Anden steigt, niemals den Versuch gemacht, die Hilfe des geliebten Tiers anders als durch Zärtlichkeit und Ermunterung zu gewinnen; eine einzige Gewalttätigkeit und das Lama würde sich, in seiner persönlichen Würde gekränkt, wütend niederlegen und nicht wieder aufstehn wollen. Es wandelt in seiner eigentümlichen Gangart dahin, gibt nie zu, daß seine Last zu groß ist, steht bei Sonnenaufgang lange Zeit still, um das aufsteigende Himmelslicht zu betrachten, erwartet, mit Blumen und Bändern geschmückt zu werden oder ein flatterndes Fähnchen auf dem Kopfe zu tragen, und will, daß Kinder und Frauen es streicheln und ihm gut sind, wenn es bei den Hütten ankommt.

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