Felix Kœchlin - Ernste Gedanken über Zweck, Nutzen und Wert der Zuchthäuser

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Muse (.muse) ফরম্যাটে রপ্তানি
AutorIn: Felix Kœchlin
Titel: Ernste Gedanken über Zweck, Nutzen und Wert der Zuchthäuser
Datum: 1947–1948
Bemerkungen: Zum 18. März 2025, ohne Vorliebe für „politische Gefangene“.
Quelle: Der freiheitliche Sozialist. April 1947 N° 2 – Februar 1948 Nr. 7. Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft freiheitlicher Sozialisten, Basel

Es erben sich Gesetz’ und Rechte

Wie eine ewge Krankheit fort!

Sie schleppen vom Geschlecht sich zum Geschlechte

Und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;

Weh dir, dass du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren, ist,

Von dem ist, leider! nie die Frage.

GOETHE, Faust I.


Es ist notwendig und bestimmt, dass sehr viele arbeiten wollen und nicht können, dass viele, die das Arbeiten vermöchten, das Wollen nicht mehr vermögen; dass sehr viele Keime im Mutterleib, dass sehr viele Kinder nach der Geburt getötet werden; dass sehr Viele, lange Lebensjahre im Zuchthaus oder Arbeitshaus verbringen.

Man hat Zuchthäuser und Gefängnisse bauen, man hat Schaffotte errichten müssen. Das Eigentum und das Leben, die Gesundheit, der heile Körper und die Freiheit der Geschlechtswahl sind von Verkümmerten und Verkommenen immer bedroht. Nicht oft mehr von Empörern und Frevlern, denn es gibt jetzt weniger kühne Räuber als früher; dafür unzählige Diebe, Einbrecher und Betrüger, und Gelegenheitstotschläger, die man Mörder nennt.

Priester und von der Sitte gebändigte Bürgersleute haben es aufgebracht, dass man wie von Tieren von diesen Armen spricht, die für unsere verruchte Unschuld unschuldig Schuldige sind: man nennt sie Vieh, Schwein, Bock und Tier. Ihr Menschen aber ! : seht sie, wie sie als Kinder sind; sehet nach ihnen und schauet inständig lange auf ihre Züge, wenn sie auf dem Leichenschragen liegen, und dann zutiefst in euch hinein. Schonet euch nicht, zu lange habt ihr euch geschont und zu lange eure guten Kleider, eure Haut und eure bis zur Verruchtheit zartfühlenden Herzen gewahrt! sehet auf die Armen, die Elenden, die Gesunkenen, die Verbrecher und die Huren, ihr braven Bürger, ihr eingezogenen und gehaltenen Jünglinge, ihr züchtigen Mädchen und ehrbaren Frauen ; blicket hin, auf dass Ihr erfahret; eure Unschuld ist eure Schuld; ihre Schuld ist euer Leben.

Gustav Landauer, Aufruf zum Sozialismus.

I.

In jeder Ortschaft von Bedeutung — und das gilt für alle zivilisierten Länder der Erde steht ein Haus, welches mit dicken, hohen Mauern umgeben und mit reihenweise angeordneten winzigen Fensterchen versehen ist, welche zwischen den massiven Eisenstäben kaum einen Strahl der Sonne durchlassen. Das Haus ist in eine grosse Zahl kleinster Räume eingeteilt, welche äusserst primitiv eingerichtet und nur so gross gehalten sind, dass der in ihnen eingeschlossene Mensch (und es werden tatsächlich Menschen hineingesperrt) nur wenige Schritte machen kann. Ausserdem befinden sich in dem Hause noch einige grössere Räume und immer eine Kirche, deren Sitzplätze jeder für sich so von Holzwänden umgeben sind, dass jeder Zuhörer wohl auf die Kanzel und das Bild Jesu Christi, nicht aber ins Angesicht seines Nachbarn sehen kann. In der Mitte findet sich zumeist ein kahler, steinerner Hof, indem jeder Pflanzenwuchs fehlt.

In diesem Hause leben Menschen. Männer oder Frauen. Sie erheben sich des Morgens auf ein Signal vom Lager, sie treten auf ein zweites Signal aus den aufgeschlossenenen Zellentüren und setzen sich auf ein drittes Signal in Bewegung. So beginnen sie den Tageslauf und so beschliessen sie ihn. Immer schweigend. Und die furchtbare Stille wird nur vom Rasseln der Schlüssel, den Befehlen der Wärter und dann und wann durch eine Ansprache dessen, der den obersten Befehl im Hause führt, oder durch die Predigt eines Pfaffen oder die Töne eines Kirchenliedes unterbrochen. Schweigend wird das Essen eingenommen, schweigend und im Gänsemarsch der «Spaziergang» im Hofe ausgeführt und schweigend die Arbeit verrichtet. So vergeht ein Tag wie der andere in derselben Gleichförmigkeit wie sie die Sträflingskleider zeigen, jahraus, jahrein.

In diesen Häusern gibt es Jünglinge, welche wissen, dass sie als grauhaarige Greise diese Mauern verlassen werden und es gibt Frauen und Männer (sie sind nie in demselben Hause), ja junge Mädchen, welche des Morgens sich vom Lager erheben und des Abends sich zur Ruhe legen mit dem sicheren Bewusstsein, dass sie in diesem Leben nie mehr allein übers Feld gehen werden, nie mehr den Sonnenuntergang betrachten, nie mehr einkaufen und einem Menschen ein Geschenk machen, nie mehr von Mensch zu Mensch freie Worte austauschen werden; dass sie dieses Haus erst als lebloser Körper verlassen werden. –

Und dies alles spielt sich ab mit der Regelmässigkeit eines Uhrwerkes, von Sommer und Winter unberührt und unberührt vom Lachen und Weinen der Menschen. Dies alles gehört als nie fehlender Bestandteil zum Wesen unserer Staaten, zum Leben unserer Städte.

Die Menschen gehen täglich an diesen Häusern vorbei ihren Geschäften nach. Und dabei erfasst sie ein tiefes Gefühl des Grauens, eine unbestimmte Angst und ein unbestimmtes, aber mächtiges Gefühl des schlechten Gewissens. Sie beschleunigen ihre Schritte und erschauern, wenn sich an einem der kleinen Fenster eine blasse Hand, ein Augenpaar zeigt, oder wenn durch die Gitterstäbe ein verdorrter Blumenstock zum Zeichen wird, dass Menschen hier drinnen wohnen, dass es Lebendiges gibt in diesem toten Hause. Und nur sehr wenige Menschen haben in ihren Herzen die Gefühle schon so sehr abgetötet, dass sie gleichmütig und ohne innere Bewegung ihren Weg fortsetzen.

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