Madeleine Vernet - Die Freie Liebe

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AutorIn: Madeleine Vernet
Titel: Die Freie Liebe
Datum: 1920
Bemerkungen: Abgeglichen mit dem Abdruck in Alarm. Organ für freien Sozialismus, 1920, Nr. 28–31 (Hamburg).
Quelle: Nach der Broschüre erschienen bei Verlagsbuchhandlung Rudolf Cerny, XVI, Liebhartsgasse 46, Wien 1920, Druck von Karl Isda, mit Titelzeichnung von Fidus.
I.

Ist es denn überhaupt noch notwendig, nach Beweisen zu suchen, daß die Liebe nur existieren kann, wenn sie frei ist? Die Maler stellen sie uns als schönes beflügeltes Kind dar. In ihren heiteren schwärmerischen oder auch traurigen Gesängen zeigen die Dichter sie uns als launenhaft, flatterhaft, unbeständig, immer auf der Suche nach neuen Gesichtskreisen, neuen Erlebnissen.

»Die Liebe von Zigeunern stammet ... « (»Carmen.«)

Und das ist wahr. Niemand von uns kann die Beständigkeit der Liebe bejahen. Sie ist, mehr als alle anderen Empfindungen des menschlichen Wesens, unbeständig und untreu, weil sie nicht nur eine bloße Herzensneigung, sondern auch ein sinnlicher Wunsch und ein physisches Bedürfnis ist.

Daß man die Liebe nur nicht mit der Ehe verwechsle! Die Ehe ist ein sozialer Vertrag, die Liebe ist ein Naturgesetz. Die Ehe ist ein Kontrakt, die Liebe ein Kuß. Die Ehe ist ein Gefängnis, die Liebe ein Aufblühen, eine Herzensergießung. Die Ehe ist die Prostitution der Liebe. Damit die Liebe ihre Schönheit und Würde bewahre, muß sie frei sein; sie kann nur frei sein, wenn sie von ihrem einzigen Gesetze geleitet wird, und es kann in diesem Falle weder moralische, noch materielle Bestimmungen geben: Zwei Menschen, welche sich lieben und den Wunsch haben, sich gegenseitig zu besitzen, sagen es einander; sie müssen das Recht haben, sich einer dem anderen hinzugeben, ohne daß ein dritter mit irgend einer fremden Ursache dazwischen tritt.

Ebenso muß ihnen die absolute Freiheit gelassen werden, sich mit dem Tage zu trennen, wo sie nicht mehr das Bedürfnis haben, sich zu besitzen. Ich sage nicht mit dem Tage, wo sie sich nicht mehr lieben, aber mit dem Tage, wo sie aufhören, sich zu begehren. Man kann aufgehört haben, eine Frau zu begehren, kann sie aber immer noch lieben. Man kann nichts mehr wissen wollen von der Geliebten, aber immer noch der Freundin treu bleiben. Dieses ist ein psychologischer Fall, so gut bekannt, daß ich nicht darauf einzugehen brauche. Ich will ihn nur insoweit behandeln, als er das Weib betrifft. Es ist eine bekannte Tatsache, daß das sexuelle Leben des Weibes gleich null ist oder es ist dem des Mannes — legal oder illegal — untergeordnet, welchen sie gewählt hat. Sie muß leben und empfinden durch ihn: sie muß aufgelegt sein, wenn er es ist, und neutral bleiben, wenn er kein sexuelles Bedürfnis empfindet. Bis zum heutigen Tage glaubte der Mann, daß er nur allein über das sinnliche Empfinden zu bestimmen habe, und weigerte sich stets, im Weibe ein Wesen zu sehen, welches physisch und moralisch genau so organisiert ist, wie er selber. Es ist die Frage, welche ich zuerst in dieser Studie über die freie Liebe näher behandeln will.

Um die großen Naturgesetze genau zu studieren, ist es notwendig, wieder auf die primitivsten Formen zurückzukommen, und man muß sich das Tierleben in der Natur genauer besehen. Nun gut, in der Natur hat das weibliche Geschlecht sein eigenes sexuelles Leben. Es hat seine eigenen sexuellen Bedürfnisse und Wünsche, welche es mit derselben Freiheit und Regelmäßigkeit befriedigt wie das männliche Geschlecht. Also niemand wird bestreiten, dass die physiologischen Gesetze für den Menschen nicht die gleichen wären, welche die Tiere regieren. Warum also will man in diesem Falle nicht die gleiche physiologische Ähnlichkeit zwischen dem Weibe und dem Tiere anerkennen, wie man es doch schon getan hat zwischen dem Manne und dem Tiere? Warum

verweigert man dem Weibe sein eigenes sexuelles Leben? Warum macht man die Liebe zum ausschließlichen Bedürfnisse des Mannes? Da sich der Mann über diese Frage sowie über alle andern zum Herrn aufgeworfen hat, so hat er stets geantwortet: Weil das Weib keine Bedürfnisse hat, weil es nicht »wünscht«, weil es nicht leidet unter der Verhinderung der fleischlichen Befriedigungen. Aber was weiß er, der Mann davon, wenn das Weib Bedürfnisse hat? Wer anders als das Weib selber hat darüber zu urteilen und zu bestimmen? Ich habe noch immer den Ausspruch eines Arztes im Gedächtnisse, welcher sagte: »Das Zölibat der Frau ist ebenso monströs (ungeheuer) wie das eines Pfaffen. Die Frauen zur Enthaltsamkeit zu verurteilen, ist eine Unbilligkeit, denn das heißt die vollständige Entwicklung des weiblichen Wesens verhindern.«

Also nach dem Ausspruche dieses Arztes hemmt die lang erhaltene Jungfernschaft die geistige sowie körperliche Entwicklung des Weibes. Wenn vielleicht wirklich Frauen existieren sollten, sogenannte kalte, die keine sinnlichen Verlangen haben, was beweist das übrigens? Ebenso gibt es Männer ohne Sinnlichkeit, aber es ist nicht die Mehrzahl, und es sei mir gestattet zu behaupten, daß es auch nicht die Mehrzahl der Frauen ist, welche die Liebe zurückweisen. Übrigens infolge der Erziehung, welche die Frau heutzutage erhält, ist sie selbst nicht in der Lage, ihre Empfindungen und Bedürfnisse richtig zu beurteilen.

Sie analysiert nicht ihr inneres Leben und leidet oft, ohne zu wissen warum. Eine üppige, gesunde Jungfrau, der heißes Blut in den Adern rollt und ihre Lippen rötet, dürfte kaum wissen, daß es ihre Jungfernschaft ist, welche sie nervös, träumerisch und unruhig macht. Sie weiß vielleicht nicht, daß es das Liebesbedürfnis ist, weshalb sie oft ohne Grund weint oder lacht Aber ist es deshalb weniger wahr, weil sie keine Erklärung für alle diese Vorgänge hat daß es das natürliche Gesetz der Liebe ist welches hier arbeitet?

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