Max Nettlau - Luigi Galleani (1861–1931)

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AutorIn: Max Nettlau
Titel: Luigi Galleani (1861–1931)
Datum: 1932
Quelle: Die Internationale. Zeitschrift für die revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau Jahrgang V Heft 1 Januar 1932 (Herausgegeben von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands Anarchosyndikalisten, Verlag Der Syndikalist

Das Jahr 1931 brachte die Morgenröte in Spanien, dann aber, bevor die Völker erwachten und sich den Schlaf aus den Augen rieben, machten verhängnisvolle Kräfte aus dem schönen Frühjahr den Beginn eines grausamen Vernichtungsjahres, dessen Schrecken noch dieses Jahr fortwirken. Das vorige Jahr raffte viele junge Kräfte unter uns dahin, in Spanien, Portugal, Italien, Kuba und Südamerika, und auch eine Reihe der bestbekannten Älteren und Ältesten. Da starb François Dumarthay, gleichaltrig mit Kropotkin (geb. 1842), der erste neuere Verkünder des anarchistischen Kommunismus (1876) und Kropotkins nächster Genosse in der Genfer Zeit, 1879 bis 1881. Ferner Dr. José Garcia Vinas (geb. 1848), einer der intimsten Militanten der spanischen Internationale, und Alianza, 1870 bis 1880, dann der alte Brocher (geb. 1850), in London und Lausanne als engster Genosse, auch als Erzieher und Freidenker über fünfzig Jahre tätig, Emile Pouget, dem, neben Pelloutier, der französische Syndikalismus der Jahre 1895 bis 1908 geistig das Allermeiste verdankt, Teresa Claramunt, einst die spanische Louise Michel genannt, und nun starb auch noch am 4. November Luigi Galleani, der hinreißendste italienische Redner und literarische Propagandist. Malatesta, der am 4. Dezember 1931 78 Jahre alt wurde, nennt ihn „relativ jung noch, er war erst 70 Jahre alt. Er hätte gewünscht, ganz wie ich, lange genug zu leben, um wenigstens die Morgenröte besserer Tage zu sehen. Das Schicksal wollte es anders. Was tun? Man muß hoffen, daß Junge kommen und die Alten ersetzen, die fortgehen...“ Solchen Jungen soll hier von Galleani erzählt werden, wie neulich von Pouget.

Denn die Abgründe, welche die Reaktion in unserer Zeit öffnet, um den Fortschritt aufzuhalten, haben auch Galleani von der heutigen Generation getrennt. Im „befreiten“ Nachkriegseuropa ist man wieder in Staaten eingeschachtelt wie im Mittelalter, und für Anarchisten gibt es noch engere Zwingburgen innerhalb der Staaten — für Kropotkin das Städtchen Dmitrow, für Malatesta Rom, für Galleani gab es seit 1919 meist den Kerker, die Deportationsinsel oder das entlegene Bergdorf, wo er sterben durfte, das einzige in Italien noch vorhandene Menschenrecht.

Luigi Galleani, geboren 1861 in Vercelli im nördlichen gebirgigen Piemont, stammte aus einer bürgerlichen Familie, machte klassische, dann juristische Studien in Genua und Turin und war, frühzeitig Republikaner, einer der kühnsten und lebhaftesten der radikalen Turiner Universitätsjugend, dem eine glänzende juristische und politische Karriere offengestanden hätte. Er schritt aber im Alter von etwa zwanzig Jahren zum Anarchismus vor, und seinem Temperament entsprach, daß er dann auch nicht einmal als Verteidiger sich dem Staats- und Gesetzapparat äußerlich anpassen wollte, wie dies anarchistische Advokaten, wie Merlino, Gori, Luigi Molinari usw., taten, deren soziale und libertäre Plaidoyers einen wertvollen Teil ihrer Propaganda bildeten. Er wurde zunächst ein streitbarer Journalist in seinem Heimatsort, hatte Verurteilungen, auch Duelle mit den Offizieren der Garnison, dann lebte er in Turin, wo er als Mitarbeiter des anarchistischen „Proximustuus“ (Dein Nächster; vom B. September 1883 -ab) und Redakteur der „Gazzetta Operaia“ (Juni 1887 bis März 1888), als „Nuova Gazzetta Operaia“ (Neue Arbeiter-Zeitung; März 1888 bis September 1889; zusammen 92 Nummern) genannt wird, auch als Mitarbeiter am „Combattiamo!“ (Kämpfen wir!) und dem „Nuovo Combattiamo!“ (seit November 1887 bis 1890) in Genua.

Die norditalienische Internationale, seit 1871 besonders von Mailand und Turin aus einige Verbreitung findend, konnte nicht in dem Grade wie die von Toskana, der Romagna, Neapel usw. in dem reichen Menschenmaterial der nationalen Kämpfer der Sechziger, den Garibaldianern usw., schöpfen und kam in den industriellen Städten vor allem in Kontakt mit Arbeitermassen, die an der Besserung ihrer ökonomischen Lage direkt interessiert waren. Darum gewannen hier Legalitäre und Reformisten die Oberhand, aber auch ökonomische Revolutionäre, die nur den Arbeiterkampf kannten und wollten und die den Politikern nicht über den Weg trauten. Von diesen wurden dann manche der anarchistischen Propaganda zugänglich, andere duldeten sie wenigstens, andere ließen sich zur Politik bekehren. Der italienische Partito Operaio (Arbeiterpartei), seit 1882 von Mailand aus gegründet, mit ähnlichen Organisationen anderer Gegenden, bildete 1890 die Partei der italienischen Arbeiter, in der immer noch Gruppen aller Art, Unterstützungsvereine, Genossenschaften, republikanische, sozialistische und anarchistische Arbeiterzirkel nebeneinander bestanden.

Galleani wurde so ein Arbeiterredner in erster Linie, dem internationalen Anarchismus damals wohl noch etwas fernerstehend, aber der beredteste direkte Agitator. Dann trieb ihn irgendeine Verfolgung ins Exil, vielleicht zuerst nach Genf, jedenfalls um 1889 nach Paris, wo er internationale italienische Genossen und manche der damals sich den Ideen anschließenden Studierenden verschiedener Länder genau kannte; letztere, sich an Merlino, Malatesta, Kropotkin, Reclus, der Révolte besonders inspirierend, waren ein bald durch Verfolgungen, Ausweisungen usw. zerstreuter kleiner Kreis tüchtiger junger Leute. Von Italienern bei Besprechungen, die kurz vor dem 1. Mai 1890 liegen müssen, nennt Galleani selbst einmal Malatesta, Merlino, Paolo Schicchi, Augusto Norsa, Giuseppe Consorti, Galileo Palla, Cipriani und andere. Nach dem 1. Mai (Merlinos Verhaftung) mußte auch Galleani Frankreich verlassen und war dann bald in Genf und mehrere Monate in Clarens, hei Elisée Reclus, der ihn zu Hilfsarbeit an der Vorbereitung der großen Geographie beschäftigte (siehe meine Biographie: Elisée Reclus, Anarchist und Gelehrter, 1928, S. 250).

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