Nicolas Walter - Orwell und die Anarchisten

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AutorIn: Nicolas Walter
Titel: Orwell und die Anarchisten
Datum: 1981
Bemerkungen: Übersetzung aus: Freedom, Bd. 42, Nr. 2, 1981.
Quelle: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Band 14. Karin Kramer Verlag, Berlin 1984, S. 157-170

George Orwell starb 1950. Mit der Veröffentlichung von Farm der Tiere war er 1945 berühmt geworden, und diese Berühmtheit wuchs durch die Publikation von 1984 im Jahre 1949 noch beträchtlich. Jedoch, schon zu krank, konnte er seinen Ruhm nicht mehr genießen; er starb im Alter von 46 Jahren an Tuberkulose. Seitdem ist er immer bekannter und berühmter geworden, und heute kennt ihn, der schon zu Lebzeiten ein Klassiker geworden, praktisch jeder, der überhaupt liest. Fast alle seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt, und die meisten seiner Kurzgeschichten sind in den vierbändigen Gesammelten Werken [1] (Collected Essays, Journalism und Letters) abgedruckt. Von allen Werken moderner Schriftsteller lassen sich die seinen am leichtesten beschaffen, und sie zählen auch zu den „problemlosesten", denn Stil und Struktur aller Arbeiten Orwells sind sparsam und einfach, ihr Zweck und ihr Charakter sind von so eigener Art und so kraftvoll, daß Einführung und Erklärung praktisch überflüssig sind. Von daher gibt es in gewisser Weise eigentlich keine Notwendigkeit, überhaupt irgendetwas über Orwell zu lesen; es reicht, ihn zu lesen. Dennoch hat dies viele Leute nicht daran gehindert, über ihn zu schreiben.

Es gibt zahlreiche Studien über seine Arbeiten, aber nur wenige sind wirklich von Nutzen — die meisten schlicht überflüssig. Orwell selbst verlangte, es solle keine Biographie geschrieben werden und mehr als zwanzig Jahre lang erschien auch keine.[2] Dann aber erschien eine Vielzahl von Studien über sein Leben, wobei das wertvollste Material die persönlichen Erinnerungen einiger Leute, die ihn gekannt haben, sind; nahezu der ganze Rest ist wertlos und überflüssig. Abgesehen von blanker Unkenntnis der Materie bestand ein wesentliches Problem immer darin, daß Orwells Frau, die er kurz vor seinem Tod geheiratet hatte und die sowohl das Copyright für seine Arbeiten als auch seinen schriftlichen Nachlaß kontrollierte, sich weigerte, einen vollständigen Abriß seines Werkes mit allen dafür nötigen Zitaten zu erlauben oder eine entsprechend umfassende Darstellung seines Lebens mit all den unerläßlichen Informationen zu versehen. Diese unerfreuliche Situation änderte sich 1972, als der erste Band einer auf insgesamt zwei Bände angelegten Studie über Orwells Leben von Peter Stansky und William Abrahams erschien. Diese Studie, gleichzeitig detailliert und schrecklich, erreichte, daß Sonia Orwell eine ordentliche Biographie autorisierte, und zwar durch Bernard Crick, Professor für Politik am Birkbeck College in London und ein bekannter demokratischer Sozialist und literarischer Journalist.

Das Ergebnis, das acht Jahre später als George Orwell: A Life veröffentlicht wurde, ist das bisher bei weitem beste Buch über Orwells Leben und Karriere. Entscheidender Vorteil Cricks war, daß er als erster die völlige Freiheit hatte, sowohl aus Orwells gesamten publizierten als auch unpublizierten Schriften zu zitieren, und daß er Zugang zum gesamten Orwell-Archiv im University College in London [3] hatte. Von daher ist sein Buch auf einer sehr viel breiteren Materialbasis aufgebaut als irgendein früheres. Ein weniger offensichtlicher, aber in gleicher Weise zu berücksichtigender Vorteil ist, daß er selbst viele der Charaktereigenschaften Orwells besitzt und seine politischen Ideen teilt; er ist mit dem Menschen Orwell und seinem Werk sehr gut vertraut. Cricks Arbeit kann sicherlich als Standardbiographie gelten, wenn auch Stanskys und Abrahams Darstellungen von Orwells Leben bis 1938 (Der unbekannte Orwell [The Unknown Orwell], 1972 und Orwell: Die Verwandlung [Orwell: The Transformation], 1979) zweimal so umfangreich sind und sie auch einige Quellen benutzt haben, die ihm wohl nicht zur Verfügung standen.

Das Buch George Orwell: A Life wurde nach seiner Veröffentlichung im November 1980 ausgiebig rezensiert; mit weiteren allgemeinen Kommentaren ließe sich jetzt und hier nichts mehr gewinnen. Aber es ist interessant und möglicherweise auch nützlich, einen speziellen Aspekt aus Orwells Leben und Werk näher in Augenschein zu nehmen, der wenig bekannt ist, aber durch die Publikation von Cricks Biographie deutlicher wird als vorher: seine Beziehungen zum Anarchismus und den Anarchisten. In einem Fall wie diesem — und es gibt selbstverständlich eine ganze Reihe vergleichbarer, darunter Shelley, William Morris, Oscar Wilde, Edward Carpenter, E. M. Forster, Herbert Read — hat es keinen Sinn, sich zu sehr in eine Richtung oder auf einen Standpunkt festzulegen: entweder zu behaupten, Orwell sei im Grunde immer Anarchist gewesen, oder, er habe nie etwas mit dem Anarchismus zu tun gehabt. Den ersten Fehler begeht zum Beispiel Julian Symons, der Schriftsteller, der während des 2. Weltkriegs eng mit den Anarchisten liiert war und der bis heute dem Anarchismus wohlgesonnen blieb, der darüberhinaus ein enger Freund Orwells war. In einem Artikel im London Magazine (September 1963) lenkte er zum ersten Mal die Aufmerksamkeit auf Orwells seinerzeitige Verbindung zu und Verbundenheit mit den Anarchisten; aber im weiteren behauptet er dann, Orwell habe auch für den Rest seines Lebens den libertären Sozialismus unterstützt, und diese Idee sei „für ihn in den Persönlichkeiten der undogmatischen Anarchisten viel sympathischer zum Ausdruck gekommen als in den dogmatischen Sozialisten, die das Gros der britischen parlamentarischen Labour Party ausmachten“.

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