Paul Goodman - Reich und seine Feinde

文本
出口ALN(.muse)
AutorIn: Paul Goodman
Titel: Reich und seine Feinde
Datum: 1945 & 1958 & 1961
Bemerkungen: „Reich und seine Feinde“ macht die 2. Abteilung des Buches von Seite 65–116 aus.
Quelle: Paul Goodman – NATUR HEILT (NATURA SANAT NON MEDICUS) — Psychologische Essays — Herausgegeben von Taylor Stoehr Aus dem Amerikanischen übertragen von Tilman Müller und Margit Kollmar. Edition Humanistische Psychologie 1989, Köln

When the strings are loosed can the clear song sound?

when the tendons taut from the reins to the neck

against scrutiny and a blow in the back,

and the belly hard against the inward wound

of anxious love? and the thighs tightly bound

to jump with fear, and the forehead black

with counter-thinking?

The leashes all are slack

an which from the third year I used to pound

the iron voices with a scratching nail.

I Couch them: the box is almost still.

»Breathe / and fill with even breathing

the Body of tubes that tremble and blow:

and sometimes suddenly they sound, unheeding,

organ-tones — that one must hear to know.«


Freuds Theorie der Denkvorgänge

In Ernest Jones ausgezeichneter Freudbiografie, deren erster Band soeben erschienen ist, findet man wichtiges neues Material für die Entwicklung der freudschen »Theorie des Denkvermögens«. Ein erstaunliches Merkmal dieser Entwicklung ist dabei, daß Freud während seiner theoretischen Ausarbeitung des mentalen Prozesses immer mehr auf die Verbindung zwischen »Denken« und »Außenwelt« verzichtete; stattdessen stellte er sich ein geschlossenes System vor, ein Individuum, das auf isolierter Bühne ein inneres Drama aufführt.

An anderer Stelle habe ich (in: »Gestalt Therapy«, Teil II, Kap. 3) zu zeigen versucht, daß »Denken« eine Abstraktion von der erfahrenen Verbindung des Organismusbereiches mit seiner physischen und sozialen Umwelt ist. Diese Abstraktion ist notwendig und wird unter bestimmten Umständen als etwas Reales empfunden: vor allem ein unterschwelliger Gefahrenzustand, bei dem die Wahrnehmung innerer Reize (das Körpergefühl) verringert und selektiv ausgeschaltet wird; es kommt zu einer Überspannung der Muskulatur; aufgrund von Frustration, Gefahr und Resignation wird die gewünschte von der wahrgenommenen Einheit abgespaltet; gewohnheitsmäßige Selbstüberwachung und unentspannte Selbstbeschränkung färben den Vordergrund des Gewahrseins und erzeugen ein übertriebenes Gefühl, »Willen« auszuüben; das sichere Spiel von Traum und Spekulation wird ausgedehnt und anderes mehr. Ich brauche die Leser dieser Zeitschrift wohl nicht darauf hinzuweisen, wie vorherrschend diese Zustände in unseren Gesellschaften sind. Es ist aber interessant, anhand freudscher Theorien aufzuzeigen, wie er nach und nach zum Begriff »Denkvorgänge« gelangt.

Kurz vor der »Traumdeutung« beschrieb und verwarf Freud eine physiologisch begründete Psychologie auf der Basis der Neurologie, ein Modell, in welchem das Denken wie eine Maschine funktioniert. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen diesem Modell der Denkvorgänge und dem Modell in der »Traumdeutung«: In der früheren Arbeit [»Entwurf einer Psychologie für Neurologen«] vertrat er die Ansicht, daß Sinneseindrücke eine »Quantität« von Energie an das Nervensystem abgäben (»etwa wie eine elektrische Ladung«); später sagte er, daß diese Eindrücke nur irgendwie die Inhalte des im übrigen statischen psychischen Erlebens bestimmten. Die frühere Meinung läßt also eine Psychologie des Wachsens zu — die Umwelt ist neu und fördernd und der Organismus überlebt, indem er sich schöpferisch der Umwelt anpaßt und sie verändert. Bei der späteren Theorie findet das Drama ganz innerlich statt. Therapeutisch gesehen bedeutet das, eine Heilung sei nicht wesentlich davon abhängig, daß eine unerledigte, emotional gestaute Situation im gegenwärtigen Erfahrungskontinuum entladen wird, sondern einfach von einer Neuanordnung widersprüchlich besetzter Ideen; es gäbe dann gar keine »realen«, sondern nur »innere« Konflikte. Tatsache ist meiner Meinung nach dagegen, daß grundsätzlich jeder innere Konflikt ein realer Konflikt ist, und daß eine Heilung nicht möglich ist, ohne die Veränderung der augenblicklichen Umweltbedingungen, die neue Aufbaukräfte schaffen würde. Die Entladung eines aufgestauten Affekts kann nur stattfinden, wenn er sein Ziel in der Realität zu verwirklichen in der Lage ist. Bei der klinischen Behandlung war sich Freud dessen natürlich bewußt, als er die Übertragung auf den Analytiker so besonders betonte; andererseits interpretiert er den Ausdruck dieser Übertragung als das Wiederaufleben einer früheren Illusion, während ich glaube, daß die Übertragungsreaktionen genau den Ausdruck annimmt, der dem Experiment der neuen Beziehung zu einer realen Person — nämlich den Therapeuten — angemessen ist. Freud versucht mit allen Mitteln, den Analytiker vollkommen unauffällig und unbestimmt zu machen, als ob die Bedeutung dieser wirklichen Person ihn in Verlegenheit brächte. Aber das ist Augenwischerei.

Andererseits vertrat Freud zur gleichen Zeit zuerst eine Theorie, daß Hysterie hauptsächlich auf der Verführung eines Kleinkindes durch einen Erwachsenen beruhe — die erstaunliche einmütige Erinnerung seiner Patienten an Verführungsszenen belegte diese gescheite Theorie. Und doch mußte er sie bald aufgeben, da es sich bei genauerer Betrachtung herausstellte, daß jene »Erinnerungen« nur Phantasien und Wünsche, eine Art infantile Auto-Erotik waren. Natürlich waren sie das — wie erstaunlich aber, daß Freud nicht sofort die nächste Frage anschließt: Warum sollten Kinder einen so phantastischen Wunsch haben? Die Erklärung dafür muß lauten, daß sie in ihrer sozialen Umwelt Versagungen erlitten haben; ihnen ist der nötige enge Kontakt mit anderen Menschen verwehrt worden; aufgrund ihrer Frustration phantasieren sie sich einen Ersatz, der einer späteren, ähnlich gearteten Versagung entspricht. Man braucht sich nicht besonders anzustrengen, um die Voraussetzungen dieser kollektiven Versagung im Wien von 1895 auszumachen. Aber Freud verwechselte jene soziale »Realität« mit der eigentlichen Natur.

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