Peter Kropotkin - Die Pariser Kommune

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AutorIn: Peter Kropotkin
Titel: Die Pariser Kommune
Datum: 1906
Bemerkungen: Originaltext: Schneider, Dieter Marc (Hg.). Pariser Kommune 1871, Band 1. Bakunin, Kropotkin, Lavrov. rororo 1971 (Reihe rororoklassiker - Texte des Sozialismus und Anarchismus). Digitalisiert und bearbeitet (Neunummerierung der Fußnoten etc.) von www.anarchismus.at
Quelle: Entnommen am 05.11.2024 von https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/peter-kropotkin/7274-peter-kropotkin-die-pariser-kommune
I.

Am 18. März 1871 erhob sich das Volk von Paris gegen eine allgemein verachtete und verabscheute Regierung und erklärte Paris für eine unabhängige, freie, sich selbst verwaltende Stadt. [1]

Dieser Umsturz der zentralistischen Staatsmacht vollzog sich ohne die bei einer Revolution gewöhnlichen Erscheinungen, ohne Flintenschüsse und Ströme von Blut, die auf den Barrikaden vergossen werden. Die Gewalthaber flüchteten vor dem bewaffnet in den Straßen erschienenen Volke, die Truppen räumten die Stadt, die Beamten machten sich in aller Eile auf den Weg nach Versailles, indem sie zugleich alles mitschleppten, was sie nur forttragen konnten. Die Regierung verschwand wie eine Pfütze stinkenden, faulen Wassers beim Wehen des Frühlingswindes, und am Morgen des 19. März fand sich Paris von dem Schmutze befreit, der die große Stadt verpestet hatte.

Dergestalt eröffnete diese Revolution einen neuen Abschnitt in der Reihenfolge der Umwälzungen, durch welchen die Völker ihren Weg von der Sklaverei zur Freiheit bahnen. Mit dem Worte "Pariser Kommune" wurde eine neue Idee geboren, eine Idee, die dazu berufen war, die Ausgangsbasis zukünftiger Revolutionen zu werden.

Wie es stets bei großen Ideen der Fall ist, so war auch diese nicht das Resultat des Nachdenkens irgendeines Philosophen, eines einzelnen Individuums, sondern sie wurde von der allgemeinen Zeitrichtung geboren, sie ging aus dem Herzen des ganzen Volkes hervor. Aber sie war anfangs verschwommen, und selbst unter denen, die sie in Wirklichkeit umsetzten und ihr Leben für sie hingaben, war sie im Beginn nicht in der Klarheit vertreten, in welcher wir sie heute auffassen. Jene Kämpfer waren sich selbst nicht klar, weder über das Wesen der Revolution, die sie ins Werk setzten, noch über die Fruchtbarkeit des neuen Prinzips, welches sie zu realisieren suchten. Erst seit jenem praktischen Versuche kam man dazu, die künftige Ausdehnung des Begriffs zu übersehen, und erst durch die Arbeit der Gedanken, welche seit jener Zeit vor sich ging, wurde das neue Prinzip mehr und mehr geklärt und genau formuliert, so daß es in seiner ganzen Schärfe, Schönheit und Gerechtigkeit erschien und die ganze Wichtigkeit seiner Konsequenzen überschauen ließ.

Seitdem der Sozialismus in den fünf oder sechs Jahren vor der Kommune einen neuen Schwung bekommen hatte, beschäftigte vor allem eine Frage die Propagandisten der nächsten sozialen Revolution. Es war die Frage, in welcher Weise die politischen Verbände der Gesellschaft am besten der großen wirtschaftlichen Umwälzung anzupassen seien, welche in Folge der modernen Entwicklung in der Industrie unserer Generation bevorsteht; und weiter, wer die Abschaffung des Privateigentums vollziehen und an dessen Stelle den Gemeinbesitz des ganzen, uns von unseren Vorfahren überkommenen gesellschaftlichen Reichtums setzen solle.

Die Internationale Arbeiter-Assoziation beantwortete diese Frage. Die Vereinigung, sagte sie, darf sich nicht auf eine Nation allein beschränken, sie muß sich über die künstlich gezogenen Grenzen hinausarbeiten. Und bald drang dieser Gedanke in die Herzen der Völker ein und machte sich die Geister zu eigen. Seitdem hat die Internationale trotz aller Verfolgungen der vereinigten Reaktionsmeute gelebt, und wenn eines Tages die Hindernisse, die man ihr in den Weg gelegt hat, durch die Völker beseitigt worden sind, so wird sie stärker als jemals aufs neue in die Erscheinung treten.

Welches sind nun die Bestandteile, die wir heute noch von dieser großen Vereinigung vorfinden? Zwei mächtige Ideenströmungen antworten auf diese Frage, die eine nennt sich Herrschaft durch das Volk, Volksstaat, die andere Anarchie.

Nach der Ansicht der deutschen Sozialisten muß der Staat von dem gesamten gesellschaftlichen Reichtum Besitz ergreifen und ihn unter die Arbeiter-Assoziationen verteilen, er muß die Produktion und den Austausch in die Hand nehmen und über die persönliche Sicherheit wie über die Existenzbedingungen der Gesellschaft wachen.

Dagegen behaupten die Sozialisten der romanischen Länder auf Grund ihrer Erfahrung, daß ein solcher Staat, ganz abgesehen davon, daß sein Bestehen überhaupt unmöglich sei, die schlimmste Tyrannei sein würde, und sie stellen dem Ideal, das der Vergangenheit entnommen ist, ein neues gegenüber: die Anarchie. Dieses Wort bedeutet die vollständige Abschaffung der Staaten und die Ersetzung derselben durch die freien Vereinigungen der Volkskräfte, der Produzenten und Konsumenten.

Selbst einige Etatisten, Anhänger der Staatsidee, die weniger von Herrschafts-Vorurteilen beeinflußt waren, gestanden zu, daß die Anarchie eine idealere Organisation darstelle als diejenige, welche durch den Volksstaat zu erreichen sei. Aber, fahren sie fort, die Möglichkeit, das anarchistische Ideal zu verwirklichen, liegt in so weiter Ferne, daß es sinnlos ist, sich schon heute damit zu beschäftigen.

Andererseits aber fehlt es der anarchistischen Theorie an einer greifbaren und zugleich einfachen Form, um ihren Ausgangspunkt festzulegen, um ihrem Gedankenreichtum Gestalt verleihen zu können, und um zu zeigen, daß sich diese Gedanken auf eine im Volke bereits existierende Bewegung stützen. Die Organisation von Produktions- und Konsumgenossenschaften, die sich über die vorgezeichneten Grenzen hinaus verbrüdern und sich außerhalb des bestehenden Staates stellen, erschien noch zu unbestimmt, zu wenig mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmend; zugleich war es sehr leicht einzusehen, daß eine solche Organisation unmöglich die Vielfältigkeit menschlicher Beziehungen in sich begreifen könne. Es mußte daher eine Form geschaffen werden, die klarer, abgerundeter und einleuchtender war, die aber auch ihre wichtigsten Elemente aus der Tatsächlichkeit des Vorhandenen gewinnt.

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