Tabea Feix - Prosopographie als sozialwissenschaftlich-historische Forschungsmethode oder:
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Titel: Prosopographie als sozialwissenschaftlich-historische Forschungsmethode oder:
Untertitel: Wie ich die Bremer Expropriations-Anarchisten von 1913 entdeckte
Datum: 2023
Bemerkungen:
Quelle: Kampfgeister. Mitteilungen aus dem Institut für Syndikalismusforschung #2 – 2023 S. 67–88
Tabea Feix, Jahrgang 1982, ist wegen fehlendem Abitur weder Archivarin noch Historikerin, sondern Buchhändlerin und Sozialarbeiterin geworden. Sie lebt ihr inzwischen trotz Lohnarbeit und Miete weitestgehend von dieser Gesellschaft emanzipiertes Leben in Bremen. Mit diversen Erfahrungen im christlichen, geschichtsdarstellerischen, sozialdemokratischen und musischem Kontext ist sie erst 2018 bewußt mit dem Anarchismus und dem Anarcho-Syndikalismus in Berührung gekommen. Die Grundsätze der freien Liebe, der persönlichen Freiheit, der gegenseitigen Hilfe, der Herrschaftslosigkeit, des Antimilitarismus und des Antikapitalismus empfindet sie als den gangbarsten Weg einer lebenswerten Gesellschaft. Sie kämpft deshalb für eine Sichtbarmachung dieser Werte in der heutigen Zeit, mit Aufzeigen der entsprechenden Historie, als Gegenvorschlag zum Zeitgeist und zu anderen vermeintlich sozialen Theorien.
Prosopographie bezeichnet die wissenschaftliche Methode, über die Erforschung eines Personenkreises eine historische Thematik zu erschließen. Sie birgt durch die verschiedenen Familien und Lebensläufe die Möglichkeit, einen sozialgeschichtlichen Blick auf eine Epoche, eine Stadt oder eine Bewegung zu werfen. „Die Prosopographie arbeitet zunächst sämtliche Umstände heraus, die von einzelnen Personen bekannt sind und versucht dann, Verbindungen zwischen diesen Personen und ihre Stellung in Politik und Gesellschaft herauszubekommen.“ [1] Ursprünglich kommt diese Methode aus der Altertumswissenschaft, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, personenkundliche Nachschlagewerke über Herrschende und deren sozialen Bezüge zu erstellen. [2] Aber warum sollte die Methode nicht für die anarchistische oder anarcho-syndikalistische Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert angewandt werden können?
Gab es für die ersten Menschen, die sich nach 1945 historisch mit der Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland auseinandersetzten, meist noch die Möglichkeit, die Akteure des frühen 20. Jahrhunderts selbst zu befragen, so wurde es für die nächste Generation, die inzwischen mit Fotokopierer und später mit Computer arbeiten konnte, deutlich schwerer, an biografische Daten heranzukommen. Heutzutage besteht dank der Digitalisierung vieler Datenbestände in Archiven und Bibliotheken nicht nur die Möglichkeit, bequem vom heimischen Schreibtisch aus eine Forschung zu starten, sondern die aktuell Forschenden haben aufgrund der wegfallenden Schutzfristen (persönliche Daten werden in Deutschland bis zu 110 Jahre nach der Geburt geschützt) die Möglichkeit, auch Akten im Archiv einzusehen, welche den vorherigen Forscher-Generationen verwehrt waren.
Wie gehe ich es also an, so eine Personenforschung? Wenn eine soziale Bewegung innerhalb einer Region oder während eines Zeitraumes erforscht wird, gibt es die Druckschriften der Bewegung, Flugblätter, Organisationsprotokolle und Zeitschriften, die Akten der staatlichen Überwachungsinstanz und die Dokumente anderer politischen Gegner, welche ausgewertet werden können.[3] Möglicherweise sind sogar Biographien, Interviews oder Geschichtswerkstatt-Ergebnisse vorhanden. Dies wäre dann schon der erste Schritt , sich mit den Menschen innerhalb der Bewegung zu beschäftigen. Denn am Anfang stehen natürlich immer Namen und bestenfalls zugehörige Geburtsdaten oder Wohndaten, die irgendwo in den Dokumenten stehen müssen.
Im Folgenden zeichne ich meine geistige Odyssee durch Akten und andere Dokumente unter Zuhilfenahme der heutigen Forschungsmöglichkeiten nach, welche mir anhand der Einsicht von ursprünglich lediglich einer persönlichen Akte und den heutigen Möglichkeiten gelang. Es geht um Hinrich Seekamp (1879–1957),[4] Klempner aus Bremen-Hastedt und seinen Antrag auf Wiedergutmachung im Jahr 1949.[5] Hinrich Seekamp war eines der Gründungsmitglieder des im Juni 1907 entstandenen „Verband freier Arbeiter Bremens“.[6] Am 22.06.1907 wurde er zum Kassierer gewählt, nachdem mühevoll in sauberer Handschrift ein „Program.“ verfasst wurde.[7] Es beinhaltete gegenseitige Hilfe und Solidarität, setzte auf Freiwilligkeit von Beitragszahlungen und anderer Unterstützungen. Ebenso war der Austritt jederzeit möglich. „Mitglied kann jede Arbeiter oder Arbeiterin werden, einerlei welchem Beruf selbiger angehört.“[8] Es dürfte die erste anarchistische Gewerkschaft Bremens sein, weshalb mich ihre Mitglieder interessieren.
Als ich Hinrich Seekamps Namen im „ArcinSys“ eingebe, dem digitalen Archiv-Informationssystem für die staatlichen und angeschlossenen Archive in Niedersachsen und Bremen, bekomme ich 21 Suchergebnisse.[9] Menschen mit dem Namen „Seekamp“ gibt es im südöstlichen Bremen zuhauf. Dennoch finde ich über sein Geburtsdatum und seine eigene spätere Bezeichnung „Heinrich Seekamp“ neben vielen Akten von einem in Bremen deutlich bekannteren Heinrich Seekamp,[10] dem in Bremen-Burglesum eine Straße gewidmet wurde, eine Akte von Hinrich Seekamps Verfahren aus dem Amt für Wiedergutmachung, der „Entschädigungsbehörde für nationalsozialistisches Unrecht“.[11]
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