Ulrich Bröckling; Siegfried Nacht (Arnold Roller); - Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion!

Text
Exporta a Muse (.muse)
AutorIn: Ulrich Bröckling; Siegfried Nacht (Arnold Roller);
Titel: Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion!
Untertitel: Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich
Datum: 1880, 1895, 1907, 1988
Bemerkungen: Rekonstruktion des mir nicht vorliegenden Buches nach: www.anarchismus.at und: d-nb.info
Quelle: Aus: Ulrich Bröckling (Hg.), Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion! Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich, Harald Kater Verlag 1988. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Von der Schwierigkeit des Antimilitarismus in Deutschland
I.

Antimilitaristen sind rar in Deutschland. Hier ist das Nein-sagen allemal suspekter als dumpfes Mitmachen, und noch die Kritik an der deutschen Misere gibt sich konstruktiv. Hier gründen Staatsfeinde munter neue Parteien, um parlamentarisch einen besseren Staat zu erstreiten, und deutsche Pazifisten ersinnen alternative Verteidigungskonzepte, statt die Wehrkraft zu zersetzen. Hier demonstrierte man für den Frieden stets so disziplinlert, wie man in den Krieg zog – und präsentierte obendrein beides noch als Dienst am Vaterland. Über die seltenen Ausnahmen, denen der vorauseilende Gehorsam nicht zur zweiten Natur geworden war, wachten streng die Organe der Obrigkeit, um jede Unbotmäßigkeit zu unterbinden. Wer „das Ansehen der Streitkräfte in der Gesellschaft“ herabsetzte, indem er etwa Militärdienst als Ausbildung zum Massenmord denunzierte oder Rekrutenschinderei anprangerte, wer gar zu Dienstverweigerung, Fahnenflucht oder militärischer Sabotage aufstachelte, dem waren Zensur, Gefängnis, Exilierung, wenn nicht schlimmeres gewiß. Damit nicht genug: Was man erfolgreich bekämpft hatte, wurde auch aus dem Gedächtnis getilgt. Es gibt zwar eine Geschichtsschreibung des Pazifismus [1] in Deutschland, doch keine des Antimilitarismus und erst recht keine Geschichte des militärischen Ungehorsams. Allein Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurde das zweifelhafte Glück zuteil, nach ihrem Tod als Märtyrer des proletarischen Friedenskampfes verehrt zu werden. Als Heiligenbilder auf den Ahnenaltären der Parteikommunisten finden sie noch immer vielseitige Verwendung. Immerhin legte man ihre Schriften neu auf. Vergessen wurde dagegen die anarchistische und anarchosyndikalistische Tradition des Antimilitarismus. [2] Eine Tradition, die mit ihrer kompromißlosen Kritik jeglicher militärischen Organisation das Attribut antimilitaristisch weit eher verdient als Sozialdemokraten auch luxemburg-liebknechtscher Prägung mit ihren Milizkonzepten und dem Ratschlag an Rekruten, sich in den Kasernen mustergültig aufzuführen.

Wenn mit diesem Band nun einige Dokumente anarchistischer und syndikalistischer Soldatenagitation aus der Zeit zwischen 1880 und 1907 neu publiziert werden, dann zunächst einmal, um einfach daran zu erinnern: Es gab auch noch anderes, als in den Partei- und Militärgeschichten zu lesen steht. Wer den Siegern der Geschichte noch die Erinnerung kampflos überläßt, wird auch in Zukunft verlieren. [3] Sind die Texte dieses Buches heute nurmehr historische Dokumente? Vieles spricht dafür: Die Arbeiterbewegung, aus der sie hervorgingen, ist längst verschwunden. Der sozialdemokratische Antimilitarismus hat hüben wie drüben sein Ziel erreicht: den Staatsbürger in Uniform. Die Imperialismen haben inzwischen Wege gefunden, die Akkumulation zu sichern, ohne gegeneinander Kriege vom Zaun zu brechen. Auch die Produktion von Toten ist in der Dritten Welt billiger. Die Armee schießt bei uns nicht mehr auf Streikende, die Tarifpartner einigen sich friedlich. (In Planspielen der Militärs wird dergleichen allerdings noch geübt.) Kriegsdienstverweigerung wurde legalisiert; nach den Greueltaten deutscher Uniformträger war dieses Zugeständnis wohl unumgänglich, und schließlich braucht der Staat ja auch zivile Diener. Geblieben ist jedoch durch alle Umbrüche dieses Jahrhunderts hindurch das Prinzip der Drohung mit militärischer Gewalt nach innen wie außen. Ohne diese Drohung kommt staatliche Politik nicht aus. Geblieben sind ferner die Disziplinierungsrituale, die das zivile Menschenmaterial in eine schlagkräftige Truppe verwandeln. Trotz „Innerer Führung“ und Technisierung des Dienstes funktioniert die Produktion zuverlässiger Soldaten heute nach dem gleichen Grundschema wie vor hundert Jahren. [4] Befehl und Gehorsam lassen sich nunmal nicht demokratisieren. Geblieben ist damit für jede radikale Opposition auch die Notwendigkeit antimilitaristischer Arbeit.

Da die Zentralen der Herrschaft zweifellos ihre Armee in Marsch setzen würden – selbstverständlich nur „zur Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung“ – sollte sie sozialer Widerstand ernstlich bedrohen, hat dieser nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es gelingt, die Disziplin der Truppe zu unterminieren. Falls nicht Meutereien, Massendesertionen und Sabotage das Militär lähmen, wird ernsthafter Opposition letztlich nur die Alternative freiwilliger Kapitulation oder aufgezwungener Niederlage bleiben. „Militärisch“ ist das Militär allemal überlegen. Das wurde noch gewußt, als die Texte dieses Bandes geschrieben wurden, – wurde gewußt wohl, weil soziale Revolution in greifbarer Nähe schien. Heute dagegen fungieren die „neuen sozialen Bewegungen“ als gesellschaftliche Frühwarnsysteme und ihr Widerstand reduziert sich auf „symbolische Regelverletzungen“. Die Friedensbewegung protestierte gegen Waffensysteme und vergaß darüber diejenigen, die sie bedienen (und herstellen). Soziale Revolution gilt dieser Linken bestenfalls noch als schöner Mythos des 19. Jahrhunderts; mit ihrer Möglichkeit verschwand auch die Überzeugung von ihrer Notwendigkeit. So liegen denn die hier versammelten Pamphlete quer zu den Diskussionen jener Linken, die inzwischen nichts sehnlicher wünscht, als endlich mitmachen zu dürfen im politischen Geschäft. Ob da eine Strategie der Destruktion, ob Wehrkraftzersetzung und Antipatriotismus noch mehr als nostalgisches Schmunzeln provozieren können, ist fraglich. Es wäre zu wünschen.

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